OS'T Netzwerk

Lösungsfokussierte Praxis in der Kinder- und Jugendhilfe mit dem SEN-Modell

SEN bietet einen konzeptionellen Rahmen und zugleich Methoden und Instrumente, um Kooperation zu stärken: Das betrifft sowohl die Kooperation mit den Familien als auch die Kooperation zwischen den Fachkräften. Dabei stehen die Sicherheit, Kindeswohl und Kindeswille im Mittelpunkt der Arbeit. Wir gehen davon aus, dass Kooperation auch in schwierigen Fällen möglich ist und auch, wenn es divergierende Ansichten über Gefährdung und Risiko gibt.

In der internationalen Debatte über Kinder- und Jugendhilfe sind in den letzten Jahren die Konzeptionen Signs of Safety (Andrew Turnell und Steve Edwards) und Partnering for Safety (Sonja Parker)1 sowie der Resolutions Approach (Susie Essex), das Drei Häuser Modell (Nicki Weld/Maggie Greening), Appreciative Inquiry und Marte Meo (Maria Aarts) als neue Praxismodelle bekannt geworden. Zusammen bilden sie ein Konzept für Risikoeinschätzung und Gefährdungsabklärung, für Fallarbeit und für die paradigmatische Neuausrichtung ganzer Behörden und Träger der Kinder- und Jugendhilfe.

Dieses integrierten Bündel an Methoden und Ansätzen, die alle einer Logik des Empowerments folgen, nennen wir im Deutschen „SEN“ (Sicherheit Entwickeln – Entwicklung nutzen). SEN hat seine Wurzeln im lösungsfokussierten Ansatz.2 SEN stellt für die Kinder- und Jugendhilfe eine lösungsfokussierte Alternative zu Modellen dar, die auf eine kooperationshemmende Weise Expertinnen-gesteuert sind.

SEN kann für Familiengespräche, für Gespräche mit Kindern, für Fallbesprechungen, für Gespräche mit anderen Professionen genutzt werden (z.B. mit LehrerInnen, KindergärtnerInnen, ÄrztInnen und für HelferInnenkonferenzen sowie in der Zusammenarbeit mit den Gerichten).
Das Verfahren unterstützt eine strukturierte Vorgangsweise:

  • um die Sichtweisen und Kompetenzen, sowie die Stärken der einzelnen Familienmitglieder besser und umfassender zu erfassen.
  • um zu einer fundierten Einschätzung der Faktoren, die Sicherheit geben, zu kommen und es befördert gleichzeitig die detailgenaue Herausarbeitung von Aspekten, die für die Kinder oder Jugendlichen gefährdend sind oder sein können.
  • um die Stimmen der Kinder und den Kindeswillen besser einzubeziehen.

Mit SEN wird die Risikoeinschätzung für SozialarbeiterInnen erleichtert und der Sicherheitsplan kann genauer dort ansetzen, wo Gefährdung im Konkreten gegeben ist oder gegeben sein könnte. Die Beschreibung der Gefährdung erfolgt in der Sprache der Familie bzw. in einer einfachen konkreten Sprache, die für die Familie möglichst verständlich ist. Dies hilft dabei, dass das Problem („die Sorgen“) und die erforderlichen Veränderungen aber auch die wahrgenommenen Kompetenzen und Stärken für alle Familienmitglieder nachvollziehbar sind. Diese Disziplin, möglichst verständlich und konkret zu sein, ist unserer Erfahrung nach auch nützlich für die Kooperation der beteiligten professionellen HelferInnen und ihre Prozessgestaltung.

SEN stellt eine Implementierungskonzeption bereit
Neben der Praxiserfahrung, wie SEN im Arbeitsalltag der SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen umgesetzt werden kann, bietet SEN als integralen Bestandteil eine Konzeption, wie der Ansatz in Organisationen der behördlichen Kinder- und Jugendhilfe und der im Auftrag der Behörden arbeitenden freien Träger eingeführt werden kann und wie die Logik von SEN auf allen Ebenen der Organisation gelebt werden kann. Dazu ist ein sogenannter Parallelprozess erforderlich: Die Logik von Kooperation und Empowerment, die im Umgang mit den Familien konkret wird, wird auch auf die Arbeit der Profis untereinander und auf die Arbeit in den Organisationen angewandt. Also wird in den Teams und im Management darauf geachtet, was gut funktioniert und was Stärken sind. Es wird darauf geachtet, welche Beobachtungen Sorgen machen. Es wird darauf geachtet, wo die Beteiligten hin wollen (erwünschte Zukunft), und schließlich wird darauf geachtet, was sinnvolle nächste Schritte sein könnten bzw. woran kleine Verbesserungen bemerkbar sind. Schritt für Schritt wird die Dokumentation, werden Abläufe und Prozesse so gestaltet, dass sie für die Arbeit mit den Familien möglichst nützlich sind.

Die Implementierung von SEN bedeutet nicht einem Modell gegenüber compliant zu sein - sich einem Modell zu unterwerfen. SEN ist ein evolvierendes sich entwickelndes Praxis-Modell. Seine Grundprinzipien bieten die Möglichkeit in einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess einzutreten, der sich am Nutzen für die Kinder und Jugendlichen und deren Familien ausrichtet. SEN wertet die PraktikerInnen auf. Sie sind die Profis, die diese oft herausfordernde und schwere Arbeit tun und es immer wieder zu Wege bringen mit den Betroffenen Verbesserungen und Lösungen für komplexe und manchmal schwere Probleme zu entwickeln. Das Wissen der PraktikerInnen über den Umgang mit schwierigen Fällen wird im SEN-Modell systematisch genutzt und aufgewertet. Alle konkreten Instrumente, die das SEN-Modell für die Arbeit mit Familien bietet, wurden von PraktikerInnen gemeinsam mit Service Users entwickelt. Das Wissen darüber wie die SEN Logik Schritt für Schritt in Organisationen implementiert werden kann wurde gemeinsam mit OrganisationspraktikerInnen (Führungskräfte und FamiliensozialarbeiterInnen) in verschiedenen Ländern entwickelt.

1) Partnering for Safety und Signs of Safety sind einander sehr ähnlich. Sie sind methodische Weiterentwicklungen und Konkretisierungen der Logik des lösungsfokussierten Ansatzes – angepasst an die spezifischen Herausforderungen der behördlichen Kinder -und Jugendhilfe.

2) Der lösungsfokussierte Ansatz wurde von Steve de Shazer, Insoo Kim Berg und ihrem Team in Milwaukee entwickelt. Luc Isebaert und sein Team in Belgien haben parallel und zuerst unabhängig von den Milwaukee Leuten das „Brügger Modell“ mit erstaunlichen Ähnlichkeiten zum lösungsfokussierten Ansatz entwickelt. Später haben sie eng kooperiert. Das Brügger Modell ist also eine Variante des lösungsfokussierten Ansatzes. Beide Schulen haben viele Anleihen bei dem US-amerikanischen Hypnotherapeuten Milton H. Erickson genommen und bei den Arbeiten des Mental Research Instituts MRI in Palo Alto wo u.a. Paul Watzlawick, John Weakland, Jay Haley Dick Fish und Janet Beavin Bavelas tätig waren.

 

weiterführende Artikel:

Wolfgang Gaiswinkler; Marianne Roessler: Der Signs of Safety Ansatz Ambivalenzmanagement, Praxis und Praxisforschung in der Jugendwohlfahrt.
Dieser Text kann zitiert werden: Dieser Text kann zitiert werden: Roessler, Marianne. Gaiswinkler, Wolfgang (2012): Der Signs of Safety-Ansatz. Ambivalenzmanagement, Praxis und Praxisforschung in der Jugendwohlfahrt. In: Brandstetter, Manuela. Schmid, Tom. Vyslouzil, Monika (Hg.): Community Studies aus der Sozialen Arbeit. LIT Verlag. Wien

Roessler, Marianne. Der Signs of Safety-Ansatz. Ein stärken- und ressourcenbasierter Ansatz für Kinderschutz und Gefährdungsabklärung.
Dieser Text kann zitiert werden: Roessler, Marianne. Der Signs of Safety-Ansatz. Ein stärken- und ressourcenbasierter Ansatz für Kinderschutz und Gefährdungsabklärung. In: Sozialarbeit in Österreich 3/2012

Roessler, Marianne; Gaiswinkler, Wolfgang; Hurch, Nepomuk:
Von Falllandkarten und Sicherheitswerkzeugen

Dieser Text kann zitiert werden: Roessler, Marianne; Gaiswinkler, Wolfgang; Hurch, Nepomuk: Von Falllandkarten und Sicherheitswerkzeugen: Gefährdungseinschätzung als Bestandteil des Sicherheitsplanungsprozesses nach dem SEN-Modell. In: Sozialarbeit in Österreich 2/2015

Roessler, Marianne; Gaiswinkler, Wolfgang; Hurch, Nepomuk:
KlientInnen am Steuerrad: Soziale Arbeit, die wirkt

Dieser Text kann zitiert werden: Roessler, Marianne; Gaiswinkler, Wolfgang; Hurch, Nepomuk: KlientInnen am Steuerrad: Soziale Arbeit, die wirkt. In: Sozialarbeit in Österreich 2/2014

interessante Links:

Sonja Parker - "Partnering for Safety": A strengths-based, solution-focused, family-centred and ?safety-centred approach to child protection practice

Andrew Turnell - "The Signs of Safety-Approach": The Signs of Safety is an innovative strengths-based, safety-organised approach to child protection casework.

Maria Aarts - "Marte Meo" (mit eigener Kraft): Maria Aarts deliberately chose the name "MARTE MEO" to highlight the central focus of the programme, which is to identify, activate and develop skills to enable and enhance constructive interaction and development.

 

Lösungsfokussierte Beratung, Lösungsfokussierte Supervision, Lösungsfokussierte Organisationsberatung, Gruppensupervision, Fortbildungen zum lösungsfokussierten Ansatz, Training, Sozialforschung, Angewandte Sozialforschung, Wirkungsanalysen, Interventionsforschung, Lösungsfokussierter Ansatz, Sozialarbeitsforschung, Aktivierende Befragung, Gemeinwesenarbeit, Empowerment, Partizipation, Coaching von Führungskräften, Gruppensupervision , Team-, Fall- und Einzelsupervision, Teamentwicklung, Coaching von Führungskräften, Leitbildentwicklung, Moderation von Tagungen und Sitzungen, Konfliktmoderation, Steve de Shazer und Insoo Kim Berg, Projektentwicklung und Projektentwicklungsberatung, Methoden- und Interventionsberatung

Sitemap | Impressum

Netzwerk OS´T, Zieglergasse 63, A-1070 Wien, Tel.: +43-1-523 38 55,